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Von Melanie Mayhew, IFC Communications

Belgrad, Serbien. Rostbraunes Wasser rieselt einen Hang herunter, in Richtung einer Plantage mit Pflaumenbäumen, die am Ufer der Donau stehen.

Die winzigen Wasserfälle aus dunklem Wasser, die in den zweitgrößten Fluss Europas fließen, haben es gewaltig in sich: Schadstoffe, die aus tausenden Müllschichten austreten– manche noch von 1977, dem Jahr, in dem die Stadt begann, hier Müll abzuladen. Weil die Deponie nie richtig betrieben wurde, sagen hiesige Umweltexperten, enthält das Wasser eine hohe Konzentration an Schadstoffen.

Die Vinča Mülldeponie ist die größte unkontrollierte offene Deponie, die es noch in Europa gibt. Sie nimmt jeden Tag 600 LKW-Ladungen an Müll auf: 1,500 Tonnen Haushaltsmüll und 3,000 Tonnen Bauschutt. Obwohl sie schon so groß wie 185 europäische Fussballfelder ist, hat die Deponie bald keinen Platz mehr, den immer noch täglich gelieferten Müll aufzunehmen.

Und es ist der Standort einer Umweltkatastrophe, die droht, Wasser und Luft zu kontaminieren und nun droht zu implodieren, das alles nur knapp 15 Kilometer vom Zentrum Belgrads entfernt. Aber das wird sich bald ändern.

Im Oktober 2019 haben Bauarbeiter begonnen, eine neue Mülldeponie, ein neues Müllheizkraftwerk und eine Anlage für die Verarbeitung von Bauschutt zu bauen, die mit den maßgeblichen EU-Spezifikationen und Standards konform sind. In drei Jahren werden die vorhandenen Müllberge Grünflächen sein, und das Gas, das aus dem seit Jahrzehnten aufgetürmtem Müll austritt, wird gesammelt und für die Stromerzeugung genutzt. Neuer Müll wird dann verarbeitet, um Fernwärme und Strom zu erzeugen. Ausserdem wird das Ablaufwasser aufgefangen und behandelt.

Die IFC und die Multilateral Investment Guarantee Agency (MIGA), Mitglieder der Weltbankgruppe, stellen €260 Million an Finanzierungen und Garantien an den neuen Betreiber Beo Čista Energija zur Verfügung, einer Zweckgesellschaft, die von dem global agierenden Energieversorger SUEZ, dem japanischen Konglomerat ITOCHU, und Marguerite Fund II, einem paneuropäischen Equity Fonds gegründet wurde, um die vorhandene Deponie zu schließen und eine neue Deponie und Müllaufbereitungsanlage zu bauen und betreiben.

IFCs Finanzierungspaket beinhaltet auch einen Förderkredit des Kreditförderprogramms zwischen Kanada und IFC (Canada-IFC Blended Climate Finance Program), Teil einer Kooperation zwischen der kanadischen Regierung und IFC, mit dem Ziel, private Finanzierungen für Projekte im Bereich saubere Energie und Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die Österreichische Entwicklungsbank (OeEB) finanzieren das Projekt mit. Die Strukturierung der Transaktion wurde im Rahmen einer Kooperation mit den Regierungen von Österreich, Kanada, Schweiz und der Rockefeller Foundation umgesetzt.

Diese Investition kam gerade noch rechtzeitig. Es gibt nur noch Platz für ein Jahr in der Deponie, die in den letzten vier Jahrzehnten mehr als 10 Millionen Tonnen Müll aufgenommen hat. An manchen Stellen sind die Müllberge höher als 70 Meter.

Vladimir Milovanović, a Managing Director of Beo Čista Energija
Vladimir Milovanović, ein Geschäftsführer von Beo Čista Energija, spricht über moderne und nachhaltige Methoden der Abfallwirtschaft.

"Das war der allerletzte Moment für Belgrad, eine neue Deponie zu eröffnen" sagt Vladimir Milovanović, ein Geschäftsführer von Beo Čista Energija.

Experten schätzen, dass die neue Vinča Deponie zusammen mit modernen und nachhaltigen Müllentsorgungskonzepten für die nächsten 30 Jahre ausreichen wird.

Eine tickende Zeitbombe in Serbien – und anderen Schwellenländern

Ein Lastwagen fährt rückwärts oben auf den Berg von Müll und kippt seinen Müll aus: hunderte Plastikflaschen, Essensreste und kaputte Puppen. Tausende Möwen stürzen sich auf den Müll, picken Essensreste heraus, verteilen Exkremente, und verstärken damit das Elend der Deponie. Ein Mann wühlt im Müll neben den Vögeln, nimmt alle Flaschen mit, die er findet, und wirft sie in einen Plastiksack. Der Lastwagen ruckelt wieder nach vorne, und dann wirft der Kipper wieder wagengroße Müllmengen auf die Erde. Der Lastwagen zieht ab und hinterlässt den bleibenden Gestank von frischem Müll auf dem Müllberg.


Ein Traktor nimmt jetzt seinen Platz ein, komprimiert und drückt eine Müllwand in Richtung Donau. Das führt zu einem Abrutschen des Abfalls, was manchmal zu einer Lawine anwächst. Der extreme Gestank wird begleitet durch die tägliche Angst vor Erdrutschen. Vor einigen Monaten ist eine Seite des Bergs unter dem Gewicht und der Instabilität des Mülls kollabiert. Übrig blieb eine 20 Meter hohe Wand aus Müll, bei der auch Methangas freigesetzt wurde.

Eine andere große Bedrohung entsteht, wenn Methangas – ein starkes Treibhausgas, das zum Klimawandel beiträgt – bei der Müllverschiebung freigesetzt wird. Rauch windet sich hoch aus einer Reihe von Bränden in der nordwestlichen Ecke der Deponie. Das Gas entzündet sich von selbst, wenn es mit Sauerstoff in Verbindung kommt. Dann steht die Deponie in Flammen. Bereits seit Tagen versuchen zwei Arbeiter die Feuer mit Erdhaufen zu ersticken.

Der Rauch, der aus Methan und anderen Partikeln besteht, verschlimmert den Smog, der den Horizont in Belgrad verschleiert und die Luftqualität beeinträchtigt.

"Das ist nur ein klein wenig besser als die Hölle", sagt Dragan Varga, ein Verkehrskoordinator, der schon seit zwei Jahrzehnten in der Deponie arbeitet.


Auf der Vinča Deponie in Belgrad, Serbien, versuchen Bulldozer brennenden Müll zu ersticken.

Obwohl Müllentsorgung überall in der Welt eine Herausforderung ist, wird es zu einem wachsenden Problem in Orten wie Belgrad, weil Menschen vom Land in die Hauptstadt ziehen. Belgrad ist eine Stadt, die im Kommen ist, aber ihr mangelnder Fortschritt bei Umweltfragen bremst sie.

Die Vinča Deponie, die genau genommen eine Müllhalde ist bei der zwar der Müll aufgeschichtet, aber nicht richtig behandelt wird, ist großer Teil dieser Transformation.

"Es ist der Schandfleck für die Umwelt, nicht nur für Serbien, sondern auch für diesen Teil von Europa", sagt Siniša Mali, Finanzminister von Serbien und ehemaliger Bürgermeister von Belgrad.

Schon jetzt hat die Stadt begonnen, sich auf die neue Deponie vorzubereiten, indem sie versucht, die Menschen, Tiere und Pflanzen auf dem Standort zu schützen. Bis vor kurzem haben 17 Roma Familien hier auf dem Gelände gelebt und informell als Müllsammler gearbeitet. Die Stadt hat die Familien umgesiedelt und ihnen geholfen, neue Wohnungen und Arbeit zu finden. Sie schützt auch den Lebensraum von Vögeln und seltenen Pflanzen.

Aber während das Gelände mit seiner Metamorphose beginnt, bleiben tägliche Herausforderungen bestehen. Jeden Tag rückt der Müll näher an die Donau heran. Und er ist ständig in Bewegung, so dass sich neue Brände auf dem Gelände entzünden, gegen die der Betreiber täglich ankämpfen muss. Straßen, die über das Gelände führen, brechen auseinander, weil der Müll sich ständig bewegt. Einige Gebiete sind deshalb nicht mehr erreichbar, außer mit Traktoren, die sich auf den steilen und unstabilen Müllbergen gefährlich fortbewegen.

Gute Abfallentsorgung zahlt sich für Bürger und Investoren aus

Belgrad ist nicht allein. Städte in der ganzen Welt sind mit ähnlichen Herausforderungen der Entsorgungswirtschaft konfrontiert.

Die Weltbankgruppe schätzt, dass jedes Jahr weltweit ca. 2 Milliarden Tonnen an kommunalen Feststoffabfall produziert werden – und mindestens ein Drittel davon wird nicht umweltgerecht entsorgt. Diese Zahl wird nach Hochrechnungen auf 3,4 Milliarden Tonnen bis 2050 anwachsen. Mülldeponien tragen mit mehr als 3 % zu den Treibhausgasen in Europa bei – Tendenz steigend.

Städte und Länder können davon lernen, was Belgrad und seine Partner anders machen.

Als die Stadt vor fünf Jahren anfing, nach einer Lösung zu suchen, "hatten wir keine Erfahrung damit, wie man mit Abfall umgeht und ihn behandelt", sagt Mali, derzeitiger Finanzminister von Serbien und Bürgermeister von Belgrad von 2014-2018, als das Projekt entwickelt wurde. "Es ging darum zu versuchen, einen Partner zu finden, der nicht nur die finanziellen Ressourcen hatte, ein solches Projekt zu Ende zu bringen, sondern auch das Know-how und die Erfahrung hatte, einen solchen Betrieb zu führen".

Regierungen stellen weltweit mehr als die Hälfte der Abfallmanagement-Dienstleitungen bereit. Müllsammlung und -entsorgung kann in Entwicklungsländern mehr als 20% des kommunalen Haushalts verschlingen, so die Weltbank. Nur ein Drittel der Regierungen bauen auf öffentlich-private Partnerschaften (ÖPPs), um ihre Herausforderungen bei der Müllentsorgung zu lösen.


Foto: Schadstoffe sickern aus Tausenden von Müllschichten – manche noch von 1977, dem Jahr, in dem die Stadt Belgrad begann, Abfall auf der Vinča Deponie abzuladen.

Die IFC und Malis Bürgermeisterverwaltung haben die Möglichkeiten besprochen, wie der Privatsektor eine bezahlbare Lösung durch ein ÖPP bereitstellen könnte. In den vier Jahren der Vorbereitung, umgesetzt in Partnerschaft mit den Regierungen von Österreich, Kanada und Schweiz, sowie auch der Rockefeller Foundation, hat die IFC der Stadt geholfen, einen nachhaltigen und ausgewogenen ÖPP-Vertrag und ein transparentes und wettbewerbsfähiges Ausschreibungsverfahren zu entwickeln. Außerdem hat sie die bis dahin unerprobten juristischen Rahmenbedingungen für ÖPPs verbessert. In 2018 hat die Stadt den Zuschlag des ÖPP-Vertrages dem Gewinner des Bietungsverfahrens erteilt, einem Konsortium von SUEZ und ITOCHU, zwei global führende Unternehmen in der Entsorgungsbranche und für umweltfreundliche Lösungen. Ein französisches Unternehmen, CNIM, produziert die Hightech-Ausrüstung, und Energoprojekt, ein serbisches Baukonglomerat, übernimmt den Bau. MIGA Garantien halfen, den Investoren Sicherheit zu geben, dass das Projekt die Kredite zurückzahlen und eine Rendite erwirtschaften kann, ohne eine Staatsgarantie zu benötigen. Die Anwendung eines innovativen Förderkredit-Finanzierungsinstruments durch das Kreditförderprogramms zwischen Kanada und IFC (Canada-IFC Blended Climate Finance Program) ermöglichte es einerseits, Risiken abzubauen, und andererseits, Tarife für die Verbraucher erschwinglicher zu machen.

Das ÖPP wurde zum ersten finanzierungsfähigen Großprojekt des Privatsektors in der Abfallwirtschaft in Schwellenländern weltweit.

"Das ÖPP Projekt war eine gute Lösung, um Infrastrukturthemen auf eine effiziente Art zu lösen und gleichzeitig die Auswirkungen auf den (Stadt-) Haushalt zu minimieren" sagt Mitsuaki Harada, ein Generaldirektor bei ITOCHU Europe und Geschäftsführer bei Beo Čista Energija.

Zusätzlich zu dem Betrieb und der Müllverarbeitung wird das Projekt auch Abfall in Fernwärme und Strom umwandeln und verkaufen, um einen Teil der Bau- und Betriebskosten der neuen Müllverarbeitungsanlage zu kompensieren, sagt Thomas Lubeck, Regionalmanager für Zentral und Südosteuropa bei der IFC.


Siniša Mali (rechts), Finanzminister von Serbien und ehemaliger Bürgermeister von Belgrad, bespricht das Modernisierungsprojekt für die Deponie mit Thomas Lubeck, Regionalmanager für Zentral und Südosteuropa bei der IFC.

"Ein Teil des Abfalls, der hereinkommt, wird durch seine Umwandlung zu einer Ressource und ist so keine Belastung mehr", sagt er. "Das Projekt greift jedoch am Ende der Abfallentsorgungskette ein - die Stadt und ihre Bürger werden ebenso eine Rolle spielen müssen. Die Recyclingquote in Belgrad und in Serbien muss erhöht werden."

Die Stadt hat in den letzten Monaten angefangen, getrennte Sammelbehälter in der Stadt aufzustellen und ermutigt die Bürger mehr zu recyceln.

"Bürger in der ganzen Welt müssen Ihre Denkweise über Müll ändern, und genau das passiert jetzt in Belgrad" fügt er hinzu.

Das Projekt in Belgrad ist ein Muster, das andere Länder nachahmen können, fügt Philippe Thiel, der Landesbeauftragte für SUEZ in Serbien und ein Geschäftsführer von Beo Čista Energija.

Das Projekt, das auf der Expertise der IFC aufbaut, sichere, belastbare und nachhaltige Städte zu entwickeln, könnte auch andere Städte darin begleiten, die drängenden Herausforderungen der Abfallentsorgung zu lösen und gleichzeitig den Privatsektor einzubeziehen.

"Dieses Model kann auf andere Schwellenländer übertragen werden, auch in großen Städten, die gleichartige Deponien ohne Müllverarbeitung besitzen" sagt Thiel.

In Ländern wie Serbien verspricht die Sanierung ihrer Deponien auch bessere Luftqualität und unbelastete Flüsse. Das führt zu einer gesünderen, nachhaltigeren und hoffnungsvolleren Zukunft für ihre Bürger.

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Herausgegeben im Mai 2020